In wirklich ist schlimmer als Facebook

I 23.2.2016

Die Kurzversion: Rentner geht einen Schritt auf mich zu und rempelt mich auf dem Gehweg vom Rad. Bauarbeiter schreiten ein und wollen mich festhalten, weil ich nicht auf dem Gehweg fahren dürfte. Die Baustelle selbst ist weder angekündigt noch gibt es sonst Schilder, allenfalls eine Absperrung.

Da die 2 Bauarbeiter mich nicht gehen lassen wollen, fotografiere ich sie zu Beweiszwecken. Ein Bauarbeiter nimmt mir das Handy weg. Da er es mir trotz Aufforderung nicht wiedergibt, gebe ich ihm eine Ohrfeige. Daraufhin hebe ich nach einiger Diskutiererei mein Handy auf.

Nun ruft der Rentner die Polizei, die 2 Bauarbeiter hindern mich erneut am Gehen. Ich stelle mein Fahrrad quer, um Vorbeikommende auf die Situation aufmerksam zu machen. Ein anderer Radfahrer bleibt freundlicherweise stehen (dickes Danke) und weist die Bauarbeiter darauf hin, daß sie Freiheitsberaubung begehen. Ich versuche, zu gehen und sage immer wieder "Lassen Sie mich gehen". Die Bauarbeiter stellen sich weiter in den Weg. Ich werde hysterisch, der Rentner verpasst mir einen Kinnhaken. Die Bauarbeiter belehren ihn, das wäre dumm gewesen. Die Polizei kommt mit bis zu 4 Streifenwagen.

Die Polizistin redet mir gut zu, der Rentner wolle sich bei mir entschuldigen, ich solle mir das wenigstens anhören. "Gut", sage ich, "aber Sie sorgen dafür, daß er hinter Ihnen stehenbleibt." Es passiert, was absehbar war. Er sagt Entschuldigung, ich antworte, das wäre auch sehr angeraten. Dann fängt er an, mir zu erklären, ich hätte ihm ausweichen müssen und geht dabei auf mich zu. Ich sage ihm, er solle stehenbleiben, die Polizistin schreitet nicht ein. Ich drehe mich um und gehe weg.

Ich bin mittlerweile mit den Nerven am Ende. Freundlicherweise geht der Polizist vorsichtig mit mir um, ich erzähle alles. Jetzt beim D-Arzt wegen Arbeitsunfall. Rechter Kiefer geschwollen und Ohrenschmerzen. Krankgeschrieben bis 1.3., Glück gehabt, daß der Kiefer nicht gebrochen war.

Am 29.2. habe ich zum ersten Mal das Gefühl, ich kann wieder Alltagswege mit dem Rad zurücklegen, ohne zu zögern. Dennoch bin ich nervös, werde bei jedem Auto, daß zu schnell und eng an mir vorbeifährt oder hupt unsicher und überlege, abzusteigen.

II 27.2.206

Ringbahn Treptower Park - unregelmäßiger Zugverkehr aufgrund einer Weichenstörung. Eine ältere Frau bleibt vor mir stehen (ich bin mit meinem Smartphone beschäftigt) und sagt: "So will die S-Bahn wohl die letzten Kunden vergraulen." Ich reagiere nicht. Sie wiederholt: "Mit diesen Verspätungen kann man ja gleich Bus oder Tram fahren." und redet noch mehr weiter. Es ist klar, sie will eine Reaktion von mir.

Es ist kühl, aber die Sonne scheint. Es ist Samstag-Nachmittag. "Wissen Sie", antworte ich, "ich hab grad nichts so Lebenswichtiges vor, daß ich nicht auch 7 oder 12,5 Minuten warten könnte. Mein Leben gerät dadurch nicht ausser Kontrolle." "Jaja. Aber die Fahrpreiserhöhungen, die kommen immer pünktlich!" "Das ärgert mich auch. Deshalb bin ich dafür, daß der ÖPNV in ganz Deutschland kostenlos wird." "Jaja, und danach kommt dann das bedingungslose Grundeinkommen." "Das hängt nicht zwingend zusammen und mir würde freier ÖPNV schon reichen für's Erste." "Achja achja, und nach dem bedingunslosen Grundeinkommen, was kommt denn wohl dann?" Sie schaut mich unheilschwanger an. Ich bin versucht zu antworten "Dann kommt der böse Russe mit dem Kommunismus und wir täten gut daran, jetzt schon einen starken Führer zu wählen."

Aber ich halte meinen Mund. Die Sonne scheint, es ist Samstag. Ich lächle. Die Frau läuft ein wenig vor und zurück, hebt an, etwas zu sagen. Sagt dann doch nichts. Läuft wieder ein wenig vor und zurück. Späht aus nach anderen Ansprechopfern und entfernt sich schließlich.

III

Ich lese den Aufruf einer Mutter auf Facebook, die nach Zeugen sucht. Einem ihrer Kinder (10 Jahre alt) wurde von einem älteren Mann beim Einsteigen in die S-Bahn mit der Faust brutal auf den Kopf gehauen. Weil er ein wenig später ausstieg und das Kind dachte, es könne schon einsteigen.

IV 1.3.2016

Ich fahre mit dem Rad ganz links und sehr langsam über eine Fußgänger-Ampel. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sieht mich ein Mann, verengt die Augen und weicht um mindestens 2 Meter von seinem geraden Kurs ab, um mich zu belehren. Ich weiche 20 cm neben die Fußgängermarkierung auf der Fahrbahn aus und bleibe stehen. Als der Mann gerade auf mich losgehen will, strecke ich den Arm aus, zeige auf die Fahrbahnmarkierung für die Fußgängerampel und sage sehr laut zu ihm: "Gehen Sie zurück in Ihren Fußgängerkäfig, auf der Fahrbahn haben Sie nichts verloren!" Er schaut, die Schultern sacken herunter und brav wie ein Lamm reiht er sich in den Fußgängerstrom ein.

Das nächste Mal werde ich fragen, ob er etwa ein Flüchtling sei und ihm erklären, daß Selbstjustiz nicht zu den Deutschen Werten gehört.

V 2.3.2016

Heute morgen bei der Post. Der Mann vor mir regt sich bei der Post-Frau am Schalter darüber auf, daß sein Paket nicht zu ihm geliefert wurde. Ein anderer Mann im Schalterraum pflichtet ihm bei. Beide sind sich darüber einig, daß das eine völlig inakzeptable Sauerei ist. Ich sage laut: "Ich kann das verstehen, bei dem Hungerlohn, den die verdienen. Vermutlich werden sie sogar von ihren Vorgesetzten ..." weiter komme ich gar nicht. Der Mann schaut mich hasserfüllt an und sagt: "Ich bin selbst Dienstleister, so etwas könnte ich mir nie erlauben." und lässt eine ganze Hasstirade ab, während er aus dem Raum geht.

Die andere Frau hinter dem Schalter sagt: "Ja, normalerweise kriegen wir das ab." Die Kollegin: "Dabei habe ich ihm gesagt, er müsse sich an die Hotline wenden." Ich: " Was ist bloß kaputt mit diesen Menschen?" "Ach, wir haben uns da schon so dran gewöhnt, daß wir das gar nicht mehr hören." "Ja", sage ich, "traurig genug."

Beide nicken zustimmend und wir wünschen uns vorsichtig lächelnd eine angenehme Restwoche.

Auf meinem Weg zur Arbeit mit dem Rad nimmt mir ein Auto beim Rechtsabbiegen die Vorfahrt, hätte ich nicht aufmerksam eine Vollbremsung hingelegt, könnte ich schon wieder nicht arbeiten.

Und für all das gibt es keinen Block und keinen Filter

Wie soll denn das gehen mit der Mobilität, wenn alle Leute nur noch auf den Straßen und Gehsteigen herumstehen, sich gegenseitig in Selbstjustiz behindern, darüber diskutieren, wer nun im Recht wäre und sich dann in Gewaltausübung ergehen? Schlandfleck, was ist bloß kaputt mit Dir?

Ich fahre seit 30 Jahren Fahrrad, viel, wenig, vorsichtig, mitunter aggressiv, Rennrad, Alltag, Radwandern, Radkurier, alles. Aber so eine geballte Aggression mit mutwillig in Kauf genommener oder absichtlicher Gewalt ist mir noch nie passiert. Das ist Selbstjustiz, Nötigung und Freiheitsberaubung in einem, vllt sogar noch was Juristisches, von dem ich keine Ahnung habe. Und eigtl möchte ich in meinem eigenen Land auch nicht zur Expertin für Trauma und strafrechtliche Spitzfindigkeiten werden. Ich möchte auch nicht mit 2 ActionCams am Rad fahren müssen, nur um im Notfall vllt etwas bewesien zu können. Leute, was hat Euch bloß so ruiniert?

Feed für diesen Eintrag

Kommentieren

Wer da?
Meine Rede

©2013 Regine Heidorn läuft auf Habari mit Inuit.css und nutzt Font Awesome sowie den Podlove Web Player. Die Header-Graphik kommt von Apfel Zet.