Nervös

I

Daß sich das gesellschaftliche Klima derzeit verschärft merke ich bei mir insbesondere an 2 Indikatoren:

1. Menschen, die ich sonst eher ignorieren würde, weil ich aus irgendeinem Grund nicht mit ihnen klarkomme (oft aufgrund meiner eigenen Vorurteile übrigens) und keine Zeit finde, mich näher mit ihnen zu beschäftigen, retweete und teile ich nun, weil sie mitunter sehr vernünftige Positionen in der aktuellen Hysterie vertreten. Das ist mir so wichtig und kommt mir zu selten vor, daß ich diese Stimmen gerne verstärken möchte jenseits persönlicher Animositäten.

2. Menschen, von denen ich sehe, daß sie in meinen Augen zweifelhafte Inhalte sharen oder liken oder diese auch noch mit oberflächlichen Kommentaren versehen, entfreunde oder entfolge ich recht fix. Das passiert nur dann nicht, wenn ich in bestimmten Zusammenhängen Anderes mit ihnen unternehme oder ich sie sonst als durchaus kritischer kenne oder ich aus Erfahrung weiß, daß eine Diskussion darüber möglich ist, die oft zum gegenseitigen Gewinn (allseitige Horizonterweiterung) verläuft.

Mich besorgt das. Ich möchte nicht mit Menschen zum Beispiel Radfahren gehen und mich auf Facebook fragen müssen, wo sie politisch stehen. Oder sie entfreunden, weil ich viele ihrer Inhalte unerträglich finde. Vor allem, weil diese Schwarz-Weiß-Einteilung gerade mit dazu beiträgt, das gesellschaftliche Klima so zu vergiften. Ich möchte da nicht verstärkend wirken und frage mich, wie ich mich besonnen verhalten könnte, ohne dabei meinen Standpunkt zu verleugnen. Dazu gehört für mich, daß ich den anderen Menschen auch einfach mal so sein lasse. Andererseits empfinde ich die Situation gerade als so brisant, daß ich schon gerne darauf hinweisen können möchte, wenn ich etwas als unfair oder hetzerisch gegen bestimmte Personen- oder Bevölkerungsgruppen empfinde.

Umgekehrt möchte ich darauf auch gerne hingewiesen werden, wenn Andere meinen, daß ich das tue. Für mich lebt eine Debatte genau davon, daß Klartext möglich ist, vielleicht auch mal etwas erhitzter und lauter. Wichtig ist mir jedoch, daß nicht gleich solche Keulen ausgepackt werden wie Gutmenschen-Vorwürfe oder Denk- und Redeverbote.

Ich halte es auch für falsch, gerade unter den derzeitigen Umständen über die neuralgischen Punkte gar nicht mehr zu reden aus Angst vor Vorwürfen oder aus dem Ruder laufenden Gesprächen oder was auch immer. Im Gegenteil, gerade jetzt halte ich es für wichtig, in einen lebendigen Austausch zu kommen. Die Betonung liegt auf lebendig und Austausch.

Da mir immer wieder rückgemeldet wird, ich wirkte sehr bestimmend und ich weiss, daß ich auch gerne mal deftig provoziere, versuche ich also, gelassener und offener zu kommunizieren. Trotzdem halte ich es für richtig und wichtig, auch mal zu provozieren, denn manchmal fördert es den Klartext. Manchmal verschleiert es auch.

Mir darüber dringlich Gedanken zu machen hat für mich einerseits mit meiner Persönlichkeit zu tun. Andererseits habe ich in meinen 44 Jahren bisher nie eine solche Dringlichkeit empfunden. Das ist genau der Punkt, der mich besorgt und den ich für einen Indikator halte. Ich kann noch nichtmal genau sagen wofür. Auf jeden Fall für eine Verschärfung, die ich für gefährlich halte ... irgendwie ... die Nerven liegen wohl gerade blank, nach allen Seiten ...

II

Unterdessen habe ich FEAR gesehen an der Schaubühne, das auch noch in mir nachhallt (es hat mir sehr gefallen, von mir eine eindeutige Theaterbesuchs-Empfehlung, auch wenn mir Manches daran nicht so ganz geschmeckt hat).

Und, was eigtl erst der Anlaß des Besuchs war, die AfD hat gegen das Stück geklagt, erfolglos - das zum Beispiel neben vielem Anderen finde ich derzeit gut und die richtige Sache: gegen eine Verschärfung der Verhältnisse in's Theater gehen. Dafür, daß die AfD klagt, mein gut und ehrlich verdientes Geld zur Schaubühne tragen, hier noch der offizielle Trailer:

In Dresden gibt es ja noch Graf Öderland in einer Inszenierung, die auf Pegida überträgt. Ein sehr guter Grund, dahin zu fahren, was wir am 13.2. tun werden. Manchmal denke ich, man müsste Montags vor Pegida da sein und auf dem Theaterplatz Free Hugs anbieten für die DresdnerInnen, die trotz Pegida noch dableiben. Die Spaltung, die sich da zeigt, ist wirklich hart. Es tut mir von aussen schon weh und umso mehr bewundere ich die Menschen, die nicht weggehen. Oder, wie Volker Lösch, der Graf Öderland inszeniert hat, trotz Drohungen gegen ihn persönlich weitermachen.

tbc ...

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  • Markus am Chaos 12, 3182, 23:30

    Hallo Regine,

    mir gefällt dein Text sehr. Ich denke, du triffst damit einen wirklich wichtigen Punkt, mit dem höchst wahrscheinlich viele Menschen ringen. Es hieß zwar schon immer, dass es zur Demokratie gehört, den Standpunkt der anderen zu ertragen. Aber in der Zeit vor dem Internet oder in dessen Anfängen wusste man halt 'zum Glück' nicht immer, was die anderen in einer Gruppe politisch dachten. Da fuhr man mit Radfahrern Fahrrad und ging mit Wanderern wandern und wollte gar nicht wissen, ob rot, schwarz, grün oder gelb gewählt wird. Und selbst wenn, waren das immernoch relativ moderate Positionen. Heute muss man ja viel mehr fürchten an der nächsten Straßenecke mit Hetze konfrontiert zu werden. Jedenfalls geht mir das so.
    Persönlich würde ich dir sagen: Ja, deine Tweets sind nicht immer leichte Kost. Aber das sollen sie ja auch nicht sein. Ein Internet voller Schonkost wäre langweilig. Deshalb: Obwohl ich mich selbst gerade etwas aus dem Medium Twitter zurückgezogen habe (nicht ganz, sonst hätte ich diesen Post nicht gesehen), weil es mir dort persönlich gerade etwas zu heiß hergeht, halte ich deine Art, zu Twittern eben auch für eine Bereicherung. Davon abgesehen kann man wirklich nicht behaupten, dass dir eine nachdenkliche Seite fehlen würde.

    So, ich glaube, das war jetzt gerade etwas am Thema vorbei. Ich schicke es trotzdem ab :)

  • Regine Heidorn am Chaos 12, 3182, 23:52

    Oh, Danke, Markus - das ist doch besänftigend bei all der Nervosität ... und Nein, ich finde Deinen Kommentar nicht am Thema vorbei, sondern bereichernd.

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